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Ergebnisse des Zukunftsforums Geburtshilfe

 
Visual Recording: Visionen

© Deutscher Hebammenverband, Visual Recording: Marie Jacobi

 
 

 

Es ist nicht egal, wie wir geboren werden. Wie die Geburt erlebt wird, hat lebenslange Auswirkungen auf Mutter und Kind sowie alle Beteiligten und die ganze Familie. Das Geburtserleben bildet somit die Grundlage unserer Gesellschaft. Und deswegen geht Geburtshilfe uns alle an.

Der DHV hat Vertreter*innen aus Gesellschaft, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und aus der Profession eingeladen um miteinander über die Herausforderungen und gemeinsamen Erwartungen an eine „gute Geburtshilfe“ zu sprechen.

Dabei wurde bewusst auf Impulsreferate und -vorträge verzichtet, denn alle Teilnehmer*innen sollten ihre Erfahrung und ihr Wissen gleichberechtigt in den einjährigen Konsensusprozess einbringen. Der Fokus lag auf den Gemeinsamkeiten und dem Ringen um Positionen.

Das Ergebnis sind 12 gemeinsam getragene Visionen einer guten Geburtshilfe der Zukunft.

 

A. Die Frau mit ihrem Kind steht im Mittelpunkt

Die Frau mit ihrem Kind steht während des Betreuungsbogens rund um die Geburt im Mittelpunkt. Die Frau und das Kind sind die Hauptakteur*innen. Ihr Wohlbefinden ist ein wichtiges Qualitätskriterium. Es hat Auswirkungen auf die Familie insgesamt.

Die Frau bezieht die Berufsgruppen und ihre Unterstützer*innen entsprechend ihrer Bedürfnisse und Bedarfe und individuellen Ressourcen mit ein.

Die Perspektive der Frau ist grundlegend für Entscheidungen, Regelungen und Gesetze in Gesellschaft, Wissenschaft und Politik.

 

B. Kontinuierliche Wegbegleitung / Continuity of Care

Jede Frau hat Anspruch auf eine kontinuierliche, wohnortnahe und leicht zugängliche Begleitung sowie auf verständliche Informationen zur körperlichen, sexuellen, reproduktiven und psychosozialen Gesundheit.

Interprofessionelle Netzwerke aus verschiedenen Gesundheitsberufen stehen der Frau und ihrer Familie zur Verfügung. Die Frau gestaltet ihr Netzwerk entsprechend ihrer individuellen Wünsche und Ressourcen. Die Begleitung orientiert sich an den Bedürfnissen der Frau und Familie sowie salutogenetischen Prinzipien.

 

C. Zeit geben zum Gebären

Frauen erhalten die Zeit, die sie brauchen, um ihre Kinder zu gebären. Sie haben die Möglichkeit, ihre Geburtsarbeit in allen Phasen achtsam und in Ruhe gemäß ihres individuellen Sicherheitsempfindens zu gestalten.

Jede Frau hat die Möglichkeit einer Eins-zu-Eins-Betreuung der Geburt.

 

D. Respektvolle Versorgung

Eine respektvolle Versorgung innerhalb des Betreuungsbogens orientiert sich an den individuellen Bedürfnissen, Gefühlen und Ressourcen der Frau, ihrem Kind und der Familie. Ein achtsamer und wertschätzender Umgang schützt vor Gewalt und Missachtung.

Die Gesundheitsfachberufe lernen bereits während der Ausbildung interprofessionell die für einen sensiblen Umgang notwendigen Kommunikations- und Reflexionsinstrumente.

Nach jeder Geburt wird der Frau eine Nachbesprechung angeboten, bei Bedarf mit allen bei der Geburt Anwesenden. Das individuelle Geburtserleben der Frau steht im Mittelpunkt einer gemeinsamen Reflektion.

 

E. Sicherstellung der Hebammenversorgung

Jede Frau hat entsprechend ihrer Bedürfnisse während des gesamten Betreuungsbogens das Recht, sich von einer Hebamme begleiten zu lassen. Hebammenhilfe ist wohnortnah, barrierefrei und niederschwellig verfügbar.

 

F. „Familie werden“ als gesellschaftliches Thema

Kinder, Jugendliche und Erwachsene erhalten Zugang zu angemessenen und zielgruppenspezifischen Informationen rund um das Thema „Familie werden“. Diese beruhen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, sind wertfrei und gut verständlich.

Eine frühzeitige Aufklärung über Schwangerschaft, Geburt und Stillen als primär physiologische Vorgänge fördert die Gesundheitskompetenz der Menschen. Sie stärkt Frauen und ihre Familien im Vertrauen auf ihre eigenen körperlichen und seelischen Ressourcen und Bedürfnisse.

 

G. Aufklärung und Beratung als Grundlage für informierte Entscheidungen

Frauen und ihre Familien können sich auf eine individuelle Aufklärung rund um die Geburt verlassen. Die Informationen hierfür sind verständlich, wertfrei und evidenzbasiert. Sie werde regelmäßig von einem interdisziplinären, unabhängigen Gremium unter Beteiligung von Eltern überarbeitet.

Information und Beratung versetzen Frauen und ihre Familien in die Lage, eine individuelle, informierte Entscheidung zu treffen, insbesondere in Bezug auf die Wahl der begleitenden Personen, des Geburtsortes und mögliche Interventionen oder den Verzicht auf diese. Die Entscheidungen der Frau werden respektiert.

 

H. Chancengleichheit

Allen Frauen und ihren Familien ist geburtshilfliche Versorgung während Schwangerschaft, Geburt und dem 1. Lebensjahr des Kindes gleichermaßen zugänglich. Begleitung steht ihnen unabhängig ihrer sozialen, und ethnischen Herkunft, ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung, ihrem Lebensalter, ihrer physischen oder psychischen Fähigkeiten oder anderer Merkmale offen. Niemand ist ausgeschlossen. Strukturelle Diskriminierung und Rassismus sind abgebaut.

 

I. Evidenzbasierte Standards für den gesamten Betreuungsbogen

Alle Fachpersonen begleiten und behandeln innerhalb des Betreuungsbogens nach transparenten und evidenzbasierten Standards, sodass eine hohe Versorgungsqualität gewährleistet ist.

Zur Physiologie der Geburtshilfe und der Perspektive von Frauen wird umfassend und mit ausreichenden Mitteln geforscht. Die Forschungsergebnisse sind für alle frei zugänglich.

Elternvertreter*innen sowie alle relevanten Berufsgruppen sind an der Erarbeitung von Leitlinien, Richtlinien und Standards rund um die Geburt gleichberechtigt beteiligt.

Leitlinien und Standards werden implementiert, regelmäßig überprüft und aktualisiert.

Bestehende Versorgungsmodelle werden regelmäßig hinterfragt und bei Bedarf neue Modelle entwickelt und eingeführt.

 

J. Wahlfreiheit von Anfang an

Frauen/Familien können ihre Versorgung und den Geburtsort frei wählen!

Ihnen stehen flächendeckend während der Familienplanung, der Familienwerdung, der Schwangerschaft, der Geburt und den ersten Lebensjahren passgenaue Versorgungsangebote zur Verfügung.

Frauen können auf unterschiedliche Professionen und Unterstützungsangebote, sowohl persönlich wie auch digital, zurückgreifen.

Alle Versorgungsangebote richten sich nach den Bedarfen und Bedürfnissen der Frauen, ihrer Partner*innen und ihrer Kinder und werden regelmäßig evaluiert. Es gibt Mechanismen, bei neuen Bedarfen weitere Versorgungsformen zu entwickeln und dauerhaft zu implementieren.

 

K. Interprofessionelle Zusammenarbeit (IPZ) ist selbstverständlich

Frauen und ihre Familien können innerhalb des Betreuungsbogens auf ein konstruktives und im Sinne der Familien handelndes Zusammenwirken der Berufsgruppen vertrauen. Die interprofessionelle Zusammenarbeit (IPZ) schließt die Partizipation der Frauen und Familien mit ein. Das Miteinander ist respektvoll, wertschätzend und über hierarchische Grenzen hinweg.

Die Berufsgruppen sind untereinander gut vernetzt und lernen – auch in der Aus- und Weiterbildung – von- und miteinander. Ein professionelles Qualitätsmanagement erhöht die Sicherheit in der Versorgung. Es trägt zum Wohlbefinden und zur Zufriedenheit von Frauen und ihren Familien sowie der Berufsgruppen bei.

 

L. Ein Nationaler Geburtshilfegipfel bringt die Umsetzung des Gesundheitsziels „Gesundheit rund um die Geburt” voran

Ein von Frauen und ihren Familien geforderter Nationaler Geburtshilfegipfel ist als partizipativer Prozess angelegt. Er hat die Umsetzung des Nationalen Gesundheitsziels „Gesundheit rund um die Geburt“ erreicht und einen Kulturwandel angestoßen/eingeleitet. Der Prozess wird vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) unterstützt und gefördert. Die politischen Zuständigkeiten sind geklärt.

 

Frauenzentrierte Geburtshilfe

Wir legen den Visionen die UN-Menschenrechtskonventionen, insbesondere die UN-Frauenrechtskonvention sowie die UN-Kinderrechtskonvention, als Orientierung zugrunde. Dies geschieht mit dem Wissen, dass die Umsetzung und Sicherung der Menschenrechte einer kontinuierlichen Diskussion und Reflexion bedürfen.

Die frauenzentrierte Geburtshilfe versteht die Mutter aus eigenem Recht auch als Anwältin des Kindes.

 

Dankeschön!

Die Teilnehmer*innen des Zukunftsforums Geburtshilfe kommen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen. Sie alle haben über fünf Tage hinweg ihre Zeit und ihre Expertise eingebracht. Wir fühlen uns reich beschenkt und danken allen Teilnehmer*innen.

 

Gesellschaftlicher Auftrag

Die Teilnehmer*innen des Zukunftsforums Geburtshilfe sehen die Umsetzung der entwickelten Visionen für eine zukunftsfähige Geburtshilfe als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Denn tragfähig sind die Visionen dann, wenn wir sie gemeinsam in die Mitte der Gesellschaft holen.

Aktuell bestehende Hürden, wie beispielsweise finanzielle Fehlanreize in der Geburtshilfe, Richtlinien, die Frauen die Nutzung ihrer Wahlfreiheit erschweren, sowie die Haftpflichtthematik müssen abgebaut und überwunden werden.

 

Die Visionen entstanden unter Beteiligung von:

Frauenverbänden, Elternorganisationen, Eltern, Krankenkassen, Behörden, Ministerien, Politiker*innen, Ärzt*innen, Kulturwissenschaftler*innen, Soziolog*innen, Public Health, Hebammenwissenschaftler*innen, Gesundheitswissenschaftler*innen und Hebammen.

 

 

 

Hintergrundinformationen

 

Die Durchführung des Zukunftsforums Geburtshilfe wird freundlicherweise ermöglicht durch folgende Unterstützer:

Logo hevianna Versicherungsdienst
 
 
Logo Berufsgenossenschaft für Gesundheit und Wohlfahrtspflege
 
 
Logo HMM