Fachgespräche Zukunftsdialog

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Fachgespräche Zukunftsdialog

Tragfähig ist die Vision einer zukunftsfähigen Geburtshilfe dann, wenn wir sie gemeinsam in die Mitte der Gesellschaft holen.

 

Der Zukunftsdialog des DHV wird nun bereits seit über einem Jahr geführt: Mit dem Hebammenkongress 2019 fiel der Startschuss. Weiter ging es mit einem Botschafter*innentreffen im Herbst. Gemeinsam mit dem Deutschen Pflegetag, an den wir zeitlich und räumlich angedockt waren, haben wir uns im vergangenen Frühjahr am Beginn der Corona-Pandemie zur Verschiebung unseres Zukunftsforums Geburtshilfe auf Mitte November dieses Jahres entschlossen. Dennoch haben wir berufsübergreifend die Diskussion über die Geburtshilfe in Deutschland fortgesetzt. Mit vereinten Kräften haben wir innerhalb kürzester Zeit eine Zusatzveranstaltung geplant und durchgeführt: die Fachgruppengespräche am 11. und 12. März 2020.

 

An zwei Tagen trafen sich rund 70 Vertreter*innen aus vielfältigen Bereichen der Gesellschaft zum visionären Austausch in einer moderierten Großgruppe. Die aktuelle Situation der Geburtshilfe in Deutschland wurde leidenschaftlich und kritisch diskutiert und in all ihren Facetten betrachtet. Es entwickelte sich ein lebendiger Diskurs, in dem die Teilnehmer*innen bedeutsame Trends und gesellschaftliche Entwicklungen für die Zukunft der Geburtshilfe identifizierten. Im Fokus standen die Wünsche und Bedarfe der verschiedenen Professionen, die in ihrer Diversität die Wegweiser für die Gestaltung einer Geburtshilfe von morgen sind. Denn tragfähig ist die Vision einer zukunftsfähigen Geburtshilfe dann, wenn wir sie gemeinsam in die Mitte der Gesellschaft holen.  

Wir bedanken uns bei allen Teilnehmer*innen schon heute für ihr wertvolles Engagement. Diese Reihe von Veranstaltungen, die thematisch alle ineinandergreifen, wird die zukünftige Verbandsstrategie entscheidend prägen. Die Erkenntnisse der Fachgruppengespräche nehmen wir mit zum Zukunftsforum Hebammenarbeit im Oktober 2020. Dort werden Hebammen aus verschiedenen Tätigkeitsbereichen eine Vision von der Zukunft unseres Berufsstandes entwickeln. Anschließend laden wir alle herzlich ein: Gehen Sie miteinander ins Gespräch – am 9. und 10. November 2020 beim virtuellen Zukunftsforum Geburtshilfe, wo wir die Ergebnisse zusammentragen und auswerten wollen! Hier können Sie sich anmelden.

 

Aktuelle Situation

Visual Recording: aktuelle Situation

© Deutscher Hebammenverband, Visual Recording: Marie Jacobi

 
 

Trends

Visual Recording: Trends

© Deutscher Hebammenverband, Visual Recording: Marie Jacobi

 
 

Digitalisierung

Digitalisierung wird auch in der Geburtshilfe als Chance wahrgenommen und gilt als „Mega-Trend“: Online-Angebote für Frauen rund um Schwangerschaft und Geburt werden heute, unter dem Einfluss der SARS-CoV2-Pandemie, schon stark nachgefragt. Es sind kurzfristig gut zugängliche und niedrigschwellige Angebote entstanden, die den Schwangeren die Möglichkeit bieten, die Angebote ihren derzeitigen individuellen Bedürfnissen anzupassen. Hebammenarbeit kann per se nicht durch digitalisierte Arbeit ersetzt werden. Sie fußt auf einem direkten zwischenmenschlichen Kontakt. Trotzdem können digitale Angebote die Arbeit, z. B. im Bereich Qualitätsmanagement, erleichtern. Informationen können schnell abrufbar im Internet zur Verfügung stehen. Die Frage im Angesicht von sich immer dynamischer bewegenden Technologien ist: Wie kann die Digitalisierung die Arbeit der Hebammen und damit auch die gesamte Geburtshilfe bereichern?

Veränderung der Familienbilder

„Traditionelle“ Familienbilder gehen verloren und ehemals „feste“ Familienbande lösen sich auf. Gleichgeschlechtliche Paare, Patchworkfamilien und Kinder mit mehr als zwei Eltern sind mittlerweile alltäglich. Es entwickeln sich neue Familienformen. Das Konzept „Familie“ ist aber eine wichtige  Orientierungshilfe bei der Bewältigung der Familiengründung. Hebammen brauchen daher Diversity-Kompetenz. Für eine „frauenzentrierte Geburtshilfe“ sind die familiären Konzepte der begleiteten Frau wichtig, denn sie ist heute immer Mittelpunkt eines komplexen, vielschichtigen familiären Zusammenhangs.

Reproduktionsmedizin

Die Möglichkeiten der reproduktiven Medizin erweitern sich ständig. Das sind Chance und zugleich Herausforderung für die Frau. Themen wie Leihmutterschaft, späte Mutterschaft und Schwangerschaft, Egg-Freezing und Selektion sind gesellschaftliche Themen und beeinflussen im hohen Maße das Erleben der Frau im Kontext Schwangerschaft und Geburt. Gibt es das „perfekte Baby“?

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird häufig als Widerspruch zu einer guten, frauenzentrierten Geburtshilfe verstanden. Hierin liegt ein gesellschaftlicher Auftrag: Ökonomische Interessen dürfen den Interessen der Frauen/Patient*innen nicht schaden. Schwangere haben das Recht auf eine freie Wahl des Geburtsortes, müssen unabhängig von Zeit und Kosten mitentscheiden dürfen, welchen Weg die Geburt ihres Kindes nimmt.

Zentralisierung

Die seit mehreren Jahren vorangetriebene Zentralisierung der Geburtshilfe in Perinatalzentren und die damit einhergehende Schließung kleinerer, aber wohnortnaher Kreißsäle kann zu einer geburtshilflichen Unterversorgung in immer mehr Regionen Deutschlands führen. Die freie Wahl des Geburtsorts wird somit sehr erschwert und ist ein Faktor, der den individuellen Gestaltungsspielraum der Frauen einschränkt. Es zeigt sich, dass durch die Zentralisierung Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft als primär natürliche, gesunde Phänomene ins medizinische System überführt werden und das Wissen um die Physiologie der Geburt in den Hintergrund rückt.

Migration und Einwanderung

Migration, Flucht und Vertreibung sind Themen, die unsere gelernten Gesellschaftsstrukturen verändern. Frauen und Familien, die von Hebammen begleitet werden, haben oft ein sehr diverses, durch biografische und lebensweltliche (z. B. Flucht) Ereignisse geprägtes Verständnis von Schwangerschaft und Geburt. Wenn das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung stets im Fokus stehen soll müssen wir fragen: Wie können wir dem gerecht werden? Welche Kompetenzen brauchen wir? Wo und wie wird das die Geburtshilfe verändern und bereichern?

 

Visionen

Visual Recording: Visionen

© Deutscher Hebammenverband, Visual Recording: Marie Jacobi

 
 

Interdisziplinäre Kommunikation / Akademisierung

An der Seite der gebärenden Frau im Mittelpunkt der Geburtshilfe führt ein Kompetenzteam von Hebammen und – im Bedarfsfall  –  Ärzt*innen einen Dialog auf Augenhöhe. Ein gemeinsames Verständnis der Zusammenarbeit zwischen den  beteiligten Professionen hat sich etabliert, nicht zuletzt auch durch die Akademisierung der Hebammenausbildung, die für den Berufsstand nun auch Forschung und Lehre umfasst. Außerklinische Geburten werden bewusst gefördert, das Vertrauensverhältnis zwischen Hebamme ¬- Frau/Familie wird geachtet und gewürdigt. Raum und Zeit wird dafür bereitgestellt. Interventionen finden aus medizinischen Gründen statt: Leitlinien werden konsequent angewendet und fußen auf vereinheitlicht angewendeter Evidenz. Leitlinien versus Expertenstandard.

Frauenzentrierte Geburtshilfe

Die frauenzentrierte Geburtshilfe steht im Fokus der Geburtshilfe der Zukunft und sieht die gebärende Frau als Expertin an, deren Bedürfnisse die Abläufe von Schwangerschaft über Geburt bis hin zum Wochenbett definieren. Sie hat das unbeschränkte Recht auf Selbstbestimmung und die Möglichkeit der Partizipation bei Entscheidungen rund um die Geburtshilfe; selbstverständlich auch auf eine echte freie Wahl des Geburtsortes. Die Selbstbestimmung der Frauen ist richtungsweisend für geburtshilfliches Handeln. Um dieses Ziel umzusetzen, müssen die Bedürfnisse von Frauen und ihren Familien ins Zentrum der Forschung rücken. Denn: Das Versorgungsangebot ist heute nicht an die tatsächlichen Bedürfnisse der Frauen angepasst (medizinisch und psycho-sozial), es kommt zu Fehl -, Über und Unterversorgung.

Geburt als gesellschaftlicher Auftrag

Eine gute Geburtshilfe ist ein gesellschaftlicher Auftrag – denn der erste Schritt ins Leben ist richtungsweisend und wirkt sich auf den gesamten Lebenslauf der Frau, des Kindes, den Familienangehörigen, aus. Die Rahmenbedingungen sind deshalb den Bedürfnissen der Familien angepasst. Der Blick auf das geburtshilfliche Geschehen ist nachhaltig wertschätzend und respektvoll. Gesellschaftliches Verständnis für die Natürlichkeit der Geburtsprozesse ist gegeben, die Eins-zu-eins-Betreuung ist umgesetzt, aber auch traumasensible Geburtshilfe ist Standard und gute Konzepte für den Umgang nach belasteten Geburten liegen vor. Denn: Geburt wird als stärkendes biografisches Ereignis begriffen und gestaltet. Immer aus der Perspektive der gebärenden Frau gesehen.

 

Hintergrundinformationen

 

Die Durchführung des Zukunftsforums Geburtshilfe wird freundlicherweise ermöglicht durch folgende Unterstützer:

Logo hevianna Versicherungsdienst
 
 
Logo Berufsgenossenschaft für Gesundheit und Wohlfahrtspflege
 
 
Logo HMM